
Das Juritron Momentum
Der Klang, der alles verändert
Jeder von uns kennt diesen einen Moment aus seiner Kindheit oder Jugend, in dem er zum ersten Mal Star Wars gesehen hat. Und jeder von uns erinnert sich an dieses eine Geräusch: dieses satte, elektrische Summen, wenn eine schmale Metallhülle in der Hand eines Jedi plötzlich zu etwas völlig anderem wird. Ein Klick, ein Zischen, ein Aufleuchten – und aus einem toten Griff wird eine leuchtende Klinge aus reiner Energie, die die Luft im Raum spürbar verändert. In diesem einen Augenblick, für die Dauer eines einzigen Atemzugs, spürt man als Zuschauer eine Gänsehaut, die man nie wieder vergisst. Nicht, weil ein Spezialeffekt beeindruckend war. Sondern weil man instinktiv verstanden hat: Das hier ist keine Weiterentwicklung eines Schwertes. Das ist eine völlig neue Kategorie von Werkzeug.
Ich beschreibe dieses Gefühl so ausführlich, weil ich es in den letzten zwölf Monaten in meinem eigenen Berufsleben gleich dreimal wieder gespürt habe. Nicht im Kino. Sondern in meiner eigenen Kanzlei, an ganz gewöhnlichen Werktagen. Doch um zu verstehen, warum ausgerechnet ich, ein Rechtsanwalt aus Memmingen, dieses Gefühl mit einer Software verbinde, muss ich etwas weiter ausholen.
2006 betrat ich als Referendar zum ersten Mal eine Kanzlei – ein blutiger Anfänger, mit mehr Ehrgeiz als Ahnung. Ich weiß noch genau, wie es sich angefühlt hat, morgens als einer der Ersten das Licht anzuschalten und abends als einer der Letzten zu gehen. Ich habe von der ersten Woche an nicht in Halbtagsschritten gedacht, sondern in Vollzeit – und das schloss für mich damals ganz selbstverständlich auch Samstage und Sonntage mit ein. Wohin dieser Weg einmal führen würde, wusste ich nicht. Ich wusste nur, dass ich etwas verstehen wollte, das größer war als das einzelne Mandat auf meinem Schreibtisch.
2009 wechselte ich zu Werner & Kollegen. Wir waren zu diesem Zeitpunkt neun Menschen in einem Haus. Ich erinnere mich noch an die Namen, an die Schreibtische, an das Gefühl, dass jeder von uns fast alles über jeden Fall wusste. Aus diesen neun Menschen ist über die folgenden 17 Jahre eine Kanzlei mit heute rund 50 Mitarbeitenden geworden. Ich habe diesen Weg nicht nebenbei begleitet, ich habe ihn gestaltet, Stein für Stein, Mandat für Mandat, Mitarbeiter für Mitarbeiter – fast die Hälfte meines gesamten Arbeitslebens lang.
Und genau an diesem Punkt, nach zwanzig Jahren, stand ich vor der unbequemsten Erkenntnis meiner beruflichen Laufbahn: Ich könnte einfach so weitermachen wie bisher. Aber das wäre keine Lösung mehr. Denn mit dem Weg, den ich all die Jahre gegangen bin, war ich an sein Ende gelangt. Diese Erkenntnis hat mich nicht sanft gestreift, sie hat mich hart getroffen – so hart, dass ich in den vergangenen Jahren mehr als einmal ernsthaft überlegt habe, meinen Anwaltsberuf und meine Rolle als Kanzleiinhaber ganz aufzugeben. So unbefriedigend, so zermürbend war das Gefühl, immer wieder mit voller Wucht gegen dieselbe unsichtbare Wand zu rennen – eine Wand, die sich keinen Millimeter bewegte, egal wie entschlossen ich dagegentrat.
Diese Wand hat einen Namen: fehlende Skalierbarkeit.
Es fehlt am Markt an Fachkräften – auch, weil viele Kanzleien es sich über Jahre zu leicht gemacht und schlicht versäumt haben, überhaupt selbst auszubilden. Aber selbst wenn genügend qualifiziertes Personal verfügbar wäre, würde man an einer roten Linie ankommen, die man mit klassischen Mitteln niemals überschreiten kann. Denn ab einem bestimmten Punkt – und das ist der eigentliche Kern dieses Problems – kann die Verwaltung rund um ein Mandat der Geschwindigkeit, mit der sich die eigentliche juristische Arbeit dank Technologie heute erledigen ließe, schlicht nicht mehr folgen. Es sei denn, man betreibt bewusst ein Modell, das im Verhältnis von administrativen zu produktiven, juristisch tätigen Köpfen vollkommen unwirtschaftlich und im Grunde selbstzerstörerisch ist. Ein bisschen so, als bräuchte es am Ende sieben Menschen, nur damit einer eine einzelne Glühbirne in eine Fassung drehen kann.
Das Juritron Momentum ist genau der Punkt, an dem eine Organisation aus dieser Fehlentwicklung zurückkippt – zurück in eine Kanzlei, die wieder wirklich effizient und effektiv arbeitet. Es ist der Moment, in dem aus einem toten Griff plötzlich eine leuchtende Klinge wird. So, wie ein Lichtschwert ohne diesen einen Augenblick der Aktivierung nichts weiter ist als ein Stück geformtes Metall, ist eine Kanzlei ohne dieses Momentum nichts weiter als eine wachsende Ansammlung von Akten, Fristen und guten Vorsätzen.
In meiner eigenen Organisation hat sich dieses Momentum in den vergangenen zwölf Monaten gleich dreimal gezeigt. Jedes Mal war da dieses Summen, dieses Aufleuchten, diese Gänsehaut – der körperliche Beweis, etwas erreicht zu haben, das vorher nur Idee, nur Vision, nur ein Versprechen an mich selbst war.
Das erste Mal war, als mich die Leiterin unseres Empfangs an einem ganz normalen Vormittag ernsthaft fragte, ob ich vorhätte, sie zu entlassen. Bis dahin hatten zwei Mitarbeitende an unserem Empfang tagein, tagaus beA-Nachrichten und E-Mails gesichtet, einsortiert und für die weitere Bearbeitung vorbereitet – Stunde um Stunde, Posteingang um Posteingang. Mit der Aktivierung der GeniusInbox, dem allerersten Juritron-Modul, das bei uns live gegangen ist, haben wir diesen gesamten Prozess in unser autonomes System überführt. Über Nacht fühlten sich meine Kolleginnen am Empfang arbeitslos – und sie hatten den Mut, mir das offen ins Gesicht zu sagen. Ich hatte nie auch nur eine Sekunde vor, deswegen jemanden zu entlassen. Im Gegenteil: Die beiden kümmern sich heute um Aufgaben, die tatsächlich Sinn stiften, die Menschen brauchen und keine Maschine.
Der zweite Moment ereignete sich im Juni dieses Jahres – seinen eigentlichen Ursprung hatte er aber drei Monate zuvor, an einem Tag, an dem meine eigene Assistentin mit Tränen in den Augen vor mir stand. Ich hatte kurz zuvor in einem internen Workshop schonungslos offen erklärt, warum die Transformation unserer Kanzlei aus meiner Sicht unausweichlich ist – und dabei ganz selbstverständlich erwartet, dass sich alle gedanklich sofort darauf einlassen. Die Resonanz war niederschmetternd. Die Kolleginnen und Kollegen hatten mich zunächst so verstanden, ich wolle ihre Arbeitsplätze durch intelligente Systeme ersetzen. Dabei war das Gegenteil meine Absicht: Ich wollte sie befähigen, diese Systeme künftig selbst zu bedienen, zu steuern und zu überwachen – damit sie die ohnehin kommende Transformation nicht als Opfer erleben, sondern als Gestalterinnen und Gestalter. Wenige Tage später habe ich einen zweiten Workshop gehalten und meinen Plan für jeden Einzelnen so klar wie möglich erklärt. Drei Monate später stand dieselbe Assistentin wieder vor mir – diesmal strahlend – und erzählte mir, dass ihr die neue Arbeitsweise, die sie in dieser Zeit gelernt hatte, unfassbar viel Freude bereite und sie in ihrer gesamten Laufbahn noch nie so motiviert gewesen sei.
Der dritte und bislang eindrücklichste Moment liegt gerade einmal zwei Wochen zurück. Juritron ist in unserer Testumgebung zum ersten Mal wirklich zum Leben erwacht. Eine ganz gewöhnliche eingehende E-Mail eines Mandanten mit einer fiktiven neuen Sache hat das System herausgefordert – ohne Vorwissen, ohne eine einzige Zeile fest programmierter Sonderlogik für genau diesen Fall. Juritron hat von sich aus erkannt, dass es sich um eine neue Sache handelt, eine Kollisionsprüfung durchgeführt, die Akte angelegt, die Beteiligten ausgelesen und hinzugefügt, die Parteirollen bestimmt, das zuständige Gericht samt Rubrum und Aktenzeichen definiert, die Fristen für Verteidigungsanzeige und Klageerwiderung gesetzt – und schließlich sogar selbstständig die Verteidigungsanzeige entworfen und zur Prüfung in den Postausgang gelegt. Ich saß vor dem Bildschirm und hatte für einen Moment genau dieses eine Gefühl aus meiner Kindheit wieder: das Summen, das Aufleuchten, den Beweis, dass etwas, das lange nur ein Griff aus Metall war, gerade zu einer leuchtenden Klinge geworden ist.
Ein neues Kapitel im Buch der Anwaltskanzleien
Jede Branche kennt Momente, in denen ein Werkzeug, das über Jahrzehnte als selbstverständlich galt, plötzlich alt aussieht – nicht, weil es schlechter geworden wäre, sondern weil daneben etwas kategorial Neues entstanden ist. Die klassische Kanzleisoftware, mit der die allermeisten Kanzleien in Deutschland heute noch arbeiten, hat über Jahre gute Dienste geleistet. Aber wenn man ehrlich hinschaut, hat sie in Wahrheit nie mehr getan, als die Papierakte in digitaler Form nachzubauen: Reiter statt Aktendeckel, Ordnerstrukturen statt Regalfächer, ein digitales Postfach statt eines Eingangskorbs auf dem Schreibtisch. Sie verwaltet, was hineingelegt wird. Sie erinnert an das, was fällig ist. Aber sie handelt nicht. Sie ist, so gesehen, immer noch die Papierakte – nur schneller durchblätterbar.
Diese Seite im Buch der Anwaltskanzleien ist über Jahrzehnte beschrieben worden, und sie war lange die richtige Seite für ihre Zeit. Aber jede Seite hat irgendwann ein Ende, und an ihrem Ende steht keine Fußnote, sondern ein neues Kapitel. Wir stehen genau an diesem Punkt: dem Übergang von einer Software, die verwaltet, zu einem Betriebssystem, das selbstständig erkennt, entscheidet und handelt – innerhalb der Leitplanken, die ein Mensch ihm gesetzt hat, aber ohne dass dieser Mensch jeden einzelnen Schritt anstoßen muss.
Warum ausgerechnet jetzt dieses Kapitel beginnt, hat mehrere voneinander unabhängige Gründe, die sich gerade zur gleichen Zeit die Waage halten.
Zum einen hat die Technologie selbst gerade erst die Reife erreicht, die ein solches Kapitel überhaupt möglich macht. Was ich im ersten Teil dieses Beitrags beschrieben habe – ein System, das eine neue Sache erkennt, eine Kollisionsprüfung durchführt, eine Akte anlegt und einen ersten Schriftsatz entwirft, ohne dass ihm jemand vorher genau gesagt hat, wie dieser eine Fall aussieht –, war noch vor wenigen Jahren technisch schlicht nicht denkbar. Es ist kein Zufall, dass dieses Kapitel jetzt aufgeschlagen wird. Es ist der erste Moment, in dem es überhaupt aufgeschlagen werden kann.
Zum anderen verschärft sich die Lage, die viele von uns aus dem eigenen Kanzleialltag nur zu gut kennen, spürbar weiter. Der Nachwuchs an Fachkräften wächst nicht im gleichen Tempo wie die Zahl und Komplexität der Mandate. Wer als Kanzlei glaubt, dieses Problem durch klassisches Wachstum – mehr Personal, mehr Fläche, mehr Verwaltung – lösen zu können, wird über kurz oder lang genau an jene Wand stoßen, an der ich selbst über Jahre gestanden habe. Diese Wand verschwindet nicht von allein, und sie wird mit jedem Jahr, das ungenutzt verstreicht, nicht kleiner, sondern größer.
Und schließlich verändert sich gerade das gesamte Umfeld, in dem Kanzleien arbeiten. Was vor wenigen Jahren noch als Zukunftsmusik galt, ist heute Gegenstand ernsthafter Investitionsentscheidungen in der gesamten Branche. Legal Tech ist kein Nischenthema für Technikbegeisterte mehr, sondern eine Bewegung, die die gesamte Anwaltschaft erfasst – von der Einzelkanzlei bis zur großen Sozietät. Wer diese Bewegung nur beobachtet, statt sich selbst in sie hineinzubegeben, wird sie irgendwann nicht mehr mitgestalten, sondern nur noch nachvollziehen können.
Diese drei Kräfte – die technologische Reife, der wachsende Druck durch fehlende Fachkräfte und eine Branche, die sich insgesamt in Bewegung setzt – treffen gerade jetzt, in diesem Moment, aufeinander. Genau das macht dieses Kapitel zu einem, das sich nicht beliebig auf später verschieben lässt. Man kann eine neue Seite im eigenen Buch früh aufschlagen und an ihrer Gestaltung mitschreiben. Oder man kann warten, bis andere sie längst beschrieben haben – und findet sich dann in einem Kapitel wieder, das man nicht mehr selbst geprägt hat.
Ich habe diesen Weg in meiner eigenen Kanzlei bereits begonnen. Ich kenne das Zögern der Mitarbeitenden, die Tränen, die Zweifel – genauso wie ich das Aufleuchten kenne, das folgt, wenn aus einem toten Griff eine leuchtende Klinge wird. Die Frage, die jede Anwältin und jeder Anwalt sich heute stellen sollte, ist nicht mehr, ob dieses neue Kapitel geschrieben wird. Es wird geschrieben, mit oder ohne uns. Die einzige Frage, die bleibt, ist, ob wir selbst der Stift sind, mit dem geschrieben wird – oder nur eine Randnotiz in einer Geschichte, die andere gestaltet haben.
